Aufgeben ist schwer

Den zweiten Tag im Gebiet des Mont Blancs verbringen wir nicht im Vallée Blanche, sondern in der Gegend des Argentière Gletschers.

Mit der Bahn geht’s erstmal hinauf auf den Aiguille des Grands Montets, von dem wir dann ein kurzes Stück mit dem Ski zum Einstieg unserer heutigen Route mit dem Namen „Pépite“ auf die Petit Aiguille Verte hinunterfahren. Das ist schon ein Luxus, wenn man ohne langen Zustieg ein Eldorado an Routen erreichen kann.

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Was für eine Arena

Heute ist es richtig heiß, die Sonne brennt gnadenlos in die Wand, ich habe brutalen Durst und die linke Seite meines Gesichts glüht, obwohl ich mich mit Sonnenschutz eingecremt habe. Das erste Schneefeld hinauf geht ganz gut, aber die längere Wartezeit am Stand in der gleißenden Sonne macht mir irgendwie den Garaus. Ich kämpfe mich mühsam im gefühlten Schneckentempo nach oben zum nächsten Stand, aber die letzten Meter verlangen mir alles ab, vor allem mental.

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Es gibt Tage, an denen man leidet (auch wenn es vielleicht nicht so aussieht).

Ich bin eine Person, die schon oft in den verschiedensten Situationen Durchhaltevermögen bewiesen hat, aber an diesem Tag ging im Kopf die Schranke einfach runter. Philipp bemerkt das und meint, dass wir abseilen sollen. Die nächste Seillänge würde noch schwieriger und außerdem sei Umdrehen überhaupt kein Problem. Kurz verspüre ich schon diesen Ehrgeiz, da noch hinaufzuwollen, muss aber einsehen, dass es manchmal einfach nicht sein soll.

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Philipp im Vorstieg

Das Abseilen stellt für mich immer wieder eine Herausforderung dar. Während ich mich beim Klettern überhaupt nicht fürchte und gerne immer wieder einen Blick nach unten werfe, so überfällt mich beim Abseilen gerne ein kleiner und manchmal auch größerer Hauch von Panik. Nach längerem Überlegen, warum das wohl so ist, bin ich zu dem Entschluss gekommen, dass ich beim Hinaufklettern Philipp vollkommen vertraue, meine Sicherheit lege ich also zu einem gewissen Teil in seine Hände. Beim Abseilen jedoch muss ich selbst Hand anlegen, und aufgrund meiner doch noch geringen Erfahrung geht mir da manchmal einfach der Reis, auch wenn Philipp von unten die Möglichkeit hat, das Seil so zu spannen, dass ich nicht mehr weiter rutschen kann. Das hatte ich aber zu diesem Zeitpunkt nicht im Kopf.

So weit, so gut. Als ich wieder festen Boden unter meinen Füßen habe, werden die Steigeisen gegen Ski getauscht und es wartet einmal mehr eine herrliche Gletscherabfahrt auf uns, dieses Mal ist es der Argentière Gletscher. Anstatt einfach die kürzeste Variante abzufahren, zeigt mir Philipp diese wunderbare Arena, und erklärt mir jeden Gipfel und jede Wand.  Vorbei unter der Aiguille Verte, der Les Droites Nordwand und die Les Courtes wird mir wieder einmal bewusst, was für ein winzig kleines Teilchen wir doch in diesem ganzen System sind.

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Kleine Sarah, große Gletscherspalten

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Beeindruckend, furchteinflößend: Die Nordwand der Les Droites:

Auch wenn ich ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr jeden Namen aufnehmen kann, so muss ich immer wieder stehen bleiben und diese Naturgewalten bewundern.
Eine Granitplatte lädt zum Verweilen und Jausnen ein, die Tatsache, dass es selbst in Unterwäsche nicht zu heiß ist, lässt Urlaubsfeeling aufkommen.

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Urlaubsfeeling am Gletscher

Am Abend wird die Grillsaison früher als gedacht eröffnet, und zwar ganz und gar ohne Webergrill und Grillkohle, sondern ganz puristisch nur mit Steinen und Holz. Das Fleisch und die Ofenkartoffel schmecken selbst ohne Salz und Pfeffer himmlisch, ob das auf den Hunger und/oder die Höhenluft zurückzuführen ist, sei dahingestellt.

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Allumer les feux

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4 Antworten auf „Aufgeben ist schwer

  1. Sabrina

    Hi liebe Sarah!

    Schöner Bericht und ehrlich! ich kenne diese Gefühle, ich habe sie selber schon sehr oft erlebt. Aber glaub mir, man wird auch dadurch stärker!

    Schön, dass Ihr zwei so tolle Sachen macht! ❤ Brina

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  2. Helli

    Hallo Sahra,

    ein sehr toller, mit wunderbaren Bildern, geschriebener Bericht .

    Freue mich schon auf eure kommenden Touren – Berichte .

    LG

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