Mein höchster Berg bisher: Mont Blanc du Tacul

Unser letzter Tag in Chamonix war wohl das Highlight der Woche, wir haben uns diesen Tag für unsere größte Tour aufgehalten.

Nachdem sich Philipp’s Skibindung zwei Tage zuvor verabschiedet hat und die Spur von der Aiguille du Midi auf den Mont Blanc ohnehin nicht besonders gut angelegt war, disponierten wir um und wählten den Mont Blanc du Tacul via Contamine Negri als unser letztes und höchsten Ziel der Woche.

Da wir alles schon am Vorabend vorbereitet haben, müssen wir am Morgen des 21. Aprils nur mehr frühstücken, anziehen und zur Aiguille du Midi Bahn fahren. Obwohl sich endlos viele Leute anstellen, erwischen wir wie geplant die Gondel um 8:10 Uhr. Nach einer kurzen Skiabfahrt (Philipp wedelt auch mit defekter Bindung wie Hansi Hinterseer die Gletscherbuckelpiste hinunter), gelangen wir an den Einstieg der Wand, am Fuße des Triagle du Tacul, und starten um ca. 9.00 los. Auch heute ist es wieder sehr warm und ich könnte bereits nach der ersten halben Stunde meinen gesamten Wasservorrat austrinken.

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Skidepot am Fuße des Triangle du Tacul

Den Beginn macht eine steile Schnee-/Eiswand, die zweite Seillänge setzen wir dann am laufenden Seil fort. Als ich beim zweiten Stand bei Philipp ankomme, staune ich nicht schlecht. Ich muss mich durch einen sehr engen Kamin zwängen, in welchem ich dann auch warten soll, da ich hier von Eis und Steinen geschützt bin. Naja, wenigsten kann ich nicht umfallen. 😉 An dieser Stelle fliegt des Öfteren ein Hubschrauber ziemlich knapp über uns vorbei und ich bin froh, sicher am Stand zu stehen.

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Sarah im Anmarsch

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Eingepfercht

Als Philipp in die nächste Seillänge zur Schlüsselstelle startet, sehe ich ihn aus meinem kleinen Versteck zwar nicht mehr, aber ich höre ihn ein wenig fluchen. Auf meine Frage hin, was los sei und wie es zum Klettern ginge, sagt er nur: „Bröselig!“

Und ich verstehe sofort, was er meint, als ich zu dieser Stelle komme. Einst zusammengefrorener Kies taut nun auf und bietet wenig halt. Eine Schotterpiste mit 70°. Aber anders als an den Tagen zuvor, bin ich mental total fokussiert und nehme (wohlgemerkt am sicheren Seil) die Herausforderung freudig an. Auch mit der Höhe geht es mir heute total gut. Da ich Philipp weder hören noch sehen kann, liegt es an mir, ich muss die richtigen Griffe und Tritte finden, ausprobieren, und habe jedes Mal ein kleines Erfolgserlebnis, wenn ich solche Schlüsselpassagen „alleine“ gemeistert habe.

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Ich merke immer wieder, wie viel hier die Psyche ausmacht. Dass mein Körper dieser Herausforderung gewachsen ist, weiß ich, aber denke ich nur ein einziges Mal: „Ich schaffe das nicht.“, so blockiert alles und es geht viel zäher und anstrengender.

Am Ende der Wand kraxeln wir am laufenden Seil noch eine steile Schneerinne hinauf und die Wadeln brennen bei jedem Schritt. Aber jeder Schritt nach oben zahlt sich aus und ich bin so glücklich, dass wir es heute tatsächlich schaffen, eine ganze Wand zu klettern, bis zum Ausstieg.

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Thumbs up!

Jedoch ist das noch lange nicht das Ende der Tour, es wartet noch ein knapp zweistündiger Weg zum Gipfel auf uns, der über Eisfelder und Gletscherspalten führt, vorbei an bedrohlichen Seracs.

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Schaurig schön… den Serac meine ich! 😉

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Der Weg zum Gipfel zieht sich, wir spüren beide die Höhe, Philipp spurt voraus und ich stapfe hinterher. Immer wieder kommen kurze Querungen über ein Eisfeld und jeder Schlag mit dem Eisgerät kostet mir so viel Kraft. Ich verfalle kurz wieder in meine „Ich kann das nicht“-Einstellung, sehe aber sofort ein, dass mich das jetzt nicht dorthin bringt, wo ich sein will, nämlich am Gipfel. Also: „Ich kann das!“

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Abgesehen von der Anstrengung bin ich aber auch fasziniert von dieser unglaublich schönen Landschaft. Die Kombination aus den bedrohlichen Seracs, den kläffenden Gletscherspalten und den steilen, gigantischen Schneefeldern versetzt mich in Begeisterung.

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Sarah im Schlepptau

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Philipp beim Spuren

Wir erreichen ein Plateau, und es trennen uns nur mehr einige kurze Kletterpassagen vom Gipfel. Und dann ist es soweit: Gipfelsieg am Mont Blanc du Tacul in Chamonix!
Ich stehe mit Philipp auf meinem höchsten Berg bisher, nämlich auf 4248 m.

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Am Gipfel!

Was für ein Panorama, als würde uns die Welt zu Füßen liegen. Ich winke kurz dem Mont Blanc zu, wir machen ein Gipfelfoto, jausnen schnell etwas und dann geht es auch schon wieder hinunter. Das ultimative Glücksgefühl steigt nicht in mir hoch, zu groß ist noch meine Anspannung wegen dem Abstieg. Prinzipiell mag ich das „Hinauf“ immer lieber, als das „Hinunter“.

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Hinter uns der Mont Blanc

Unser Abstieg erfolgt über den Normalweg, da wir uns so sehr viel Zeit ersparen. Wenn wir über Gletscherspalten drüber müssen, warnt mich Philipp vorher immer und ich versuche besonders leichtfüßig drüber zu gehen. Einmal belaste ich genau den falschen Fuß und so schnell kann ich gar nicht schauen, breche ich mit einem Bein bis zum Oberschenkel ein. Oops! Auch wenn in dieser Situation am Seil nicht wirklich etwas passieren kann, bin ich froh, als wir die Gletscherspalten hinter uns lassen.

Mit Steigeisen an den Füßen gehts im Laufschritt nach unten, und nach sage und schreibe 50 Minuten sind wir wieder bei unserem Skidepot.

Und dann ist es soweit: Mich überkommen die Emotionen der letzten Stunden und wahrscheinlich auch jene der letzten Tage. Das Klettern ist für mich eine  viel größere, mentale Belastung, als ich jemals angenommen hätte. Die Spannung und Konzentration darf keine Sekunde nachlassen, die körperliche Komponente und die Höhenluft ist natürlich auch nicht zu vernachlässigen. Ich bin einfach nur glücklich, diese Dinge mit Philipp erleben zu dürfen und lasse meinen Gefühlen freien Lauf. ❤

Aber es ist ja noch nicht ganz zu Ende, einmal darf ich noch das Mer de Glace hinunterdüsen und es ist auch zum wiederholten Male nicht weniger eindrucksvoll. Als Abschiedsgeschenk verwöhnt uns der Gletscher mit perfektem Firn.

Am Bahnhof der Montenversbahn erwartet uns dann eine elendig lange Schlange von Menschen, die wir gekonnt mit einem „Feierabendbier“ in der Sonne umgehen.
Die Zugfahrt ins Tal verläuft recht unterhaltsam und hat das Flair von einem Festivalzug, da sich eine Gruppe in unserem Waggon befindet, die bereits am Bahnsteig schon diverse Alkoholika herumgereicht hat.

Für uns geht es volley heim, mit der passenden Playlist und fließendem Verkehr vergeht die Heimreise wie im Flug. Weil Philipp ganz gerne beim Autofahren schimpft, bekam er von mir den Auftrag, jedes Mal, wenn ihm ein Schimpfwort auf den Lippen liegt, „Mei, es war so schön!“ zu sagen. Ich glaube, ihm haben die letzten Tage sehr gut gefallen. 😉

Mir haben sie jedenfalls brutal gut gefallen, ich habe viel Neues gesehen und sehr viel Neues (kennen)gelernt und war in Gegenden unterwegs, von denen ich bisher nur geträumt habe.
Seit Korea verarbeite ich meine Erlebnisse durchs Schreiben und ich kann es nur jedem weiterempfehlen. 🙂

Danke Philipp für diese wunderbaren Tage! ❤

DCIM100GOPRO

An Tagen wie diesen…

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