Vertainspitze

Eine ereignisreiche Woche, viel Anspannung, Kopfweh und wenig Schlaf. Nicht gerade die besten Voraussetzungen, um in ein aktives Wochenende zu starten.

Aber ein bisschen rauskommen schadet ja nie, also packen Philipp und ich kurzfristig Freitagabend unsere Sachen ins Auto und fahren nach Sulden am Ortler. Ob es nun am folgenden Tag wirklich die geplante Tour für mich werden würde, lassen wir offen, denn ich bin echt geschlaucht und K.o. Der Wecker wird auf 2:40 Uhr gestellt und mit dem Druck endlich einzuschlafen, mache ich natürlich bis 1:00 Uhr kein Auge zu. Die wohltuende Stunde meines Schlafes wird jäh vom Läuten des Weckers beendet und ich weiß nicht recht, ob ich fit genug bin für die bevorstehende Tour. Aber das Wetter ist so vielversprechend und ich will unbedingt mal wieder (Eis)Klettern, und da mein Wille bekanntlich stärker ist, als mein Körper, machen wir uns auf den Weg. Philipp redet mir gut zu und meint, wir können ja immer noch umdrehen, aber insgeheim weiß ich, dass umdrehen für mich keine Option ist. 😉

Mit sehr leichter Ausrüstung legen wir im Schein der Stirnlampe die ersten 800 hm auf die Düsseldorfer Hütte zurück. Dann bricht schön langsam die Dämmerung an und es dauert nicht lange, bis der Ortler, die Königsspitze und der Zebru rosarot leuchten. Während dem Gehen bin ich noch sehr müde, wir brauchen ca. 1:20 h auf die Düsseldorfer Hütte, wo wir unsere Wasserflaschen noch einmal auffüllen können.

 

Aber spätestens als wir am Fuße der Nordwand der Vertainspitze angelangen, ist meine Müdigkeit wie weggeblasen. Da bereits eine Seilschaft, die auf der Düsseldorfer Hütte genächtigt hat, vor uns in der Wand ist, müssen wir ein wenig warten, um keinen Eisschlag zu haben. Bei weniger kuschligen, windigen Minusgraden wird das letzte bisschen Müdigkeit rausgekitzelt und es kann losgehen.

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Rechts im Trichter sieht man die andere Seilschaft, und wir frieren 😉

Die erste Seillänge ist eine gallerieartige Eisrampe, fein zum Einstieg und wir kommen schnell voran.

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Sarah in der ersten Seillänge

Dann wartet auch schon die Schlüsselstelle, welche eine sehr interessante Formation darstellt. Man hat das Gefühl, durch eine Gletscherspalte hindurchzuklettern!

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Die Schlüsselstelle von unten…

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… und von oben

Gegen halb 8 erscheint dann die Sonne über dem Hohen Angelus und, obwohl man gut angezogen über Eis und Schnee klettert, merkt man, dass es nicht mehr Winter ist.

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Sonneee!

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Die folgenden Seillängen zeigen mir einmal mehr, wie nahe Freud und Leid doch beinander liegen. In der einen Sekunde möchte ich fluchen und schreien, weil der verdammte Eispickel im spröden Eis nicht hält und mir die Kraft in meinen Ärmchen eh schon ausgeht. Eine Sekunde darauf drehe ich mich um, sehe die überwältigende Landschaft und denke mir „Geht scho, Sarah, mach weiter, sch*** di ned on!“.

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Am Kämpfen…

Zwischendurch bin ich ganz froh, wenn ich mich hin und wieder ins Seil setzen kann, oder wenn Philipp ein bisschen mehr zieht. 😉

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…aber trotzdem happy

Als ich wieder bei ihm am Stand ankomme, meint Philipp, dass wir echt flott unterwegs seien und wir schon zu Mittag wieder unten im Tal wären. Seine Ermutigungen bewegen mich dazu, halbwegs rhythmisch weiter zu klettern, aber um ehrlich zu sein, ich weiß nicht mehr, wie ich meine Füße ins Eis schlagen soll. Es fühlt sich an, als würde sich jede Hautschicht einzeln ablösen und ich habe die graußlichsten Bilder von Blasen im Kopf. Also steige ich irgendwie schräg bergauf und sage Philipp nichts, weil es jetzt sowieso nichts ändern würde und der Gipfel in Reichweite ist.

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Mein Fels zwischen Fels und Eis 😉

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Bald geschafft!

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Gratwanderung

Beim Ausstieg angekommen, kann ich bereits das riesige Gipfelkreuz sehen. Nun gilt es nur mehr über den Grat zu stapfen und um 9:50 Uhr stehen wir am Gipfel der Vertainspitze! Was soll ich sagen, jeder der schon einmal mich sich selbst gekämpft hat und weitergemacht hat, kennt dieses unbeschreibliche, befreiende Gefühl.

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Geschafft!

Nach einer kurzen Gipfelrast und ein paar Fotos, treten wir den Abstieg an (der zum Glück ziemlich easy ist 😉 ). Erst jetzt erzähle ich Philipp von meinen Befürchtungen, dass ich die nächsten Tage keine Schuhe mehr anziehen kann. Aber er meint, er kenne das, das sei ein Sohlenbrand, schmerzt fürchterlich, vergeht aber wieder bei Entlastung. Das klingt logisch für mich, denn ich habe zum ersten Mal beim Eisklettern keine festen Berg- oder Skischuhe an, sondern den ultraleichten Ribelle Tech von Scarpa.

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Der Abstieg über das Rosimtal ist sehr lange und ich bin froh um meine Stöcke, die meinen feuernden Sohlen das Leben etwas erleichtern. Es dauert nicht lange und wir können uns unseres Zwiebellooks entledigen und spazieren im T-Shirt über verblocktes Gelände und bald schon über Almwege Richtung Sulden hinunter.

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Es ist ein langer, langer Weg…

Erst als es Philipp sagt, wird mir bewusst, das dies meine bisher längste Klettertour ist, langer Zustieg, langer Abstieg und viele Höhenmeter.

Aber der Abstieg vergeht schneller als gedacht. Alles, was wir beim Klettern nicht reden konnten, wird nachgeholt, wie ein verdurstendes Kamel trinke ich aus jedem Bach und mit jedem negativen Höhenmeter wird es wärmer.

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Kitsch lass nach!

Dankbar nehme ich das Angebot an, dass Philipp schon mal vorläuft, um das Auto zu holen, so bleiben meinen Sohlen und mir zwei Kilometer auf hartem Asphalt erspart.

Nach knappen neun Stunden, 17 km und 1700 Höhenmetern bergauf und bergab stehe ich wieder im Talboden, es ist noch nicht mal halb 1 nachmittags und mir erscheinen die vergangenen Stunden völlig surreal. Wir sind in kompletter Finsternis gestartet, hinauf in die eisige Kälte am Fuße der Nordwand gewandert, über Eisformationen in die Sonne geklettert und am Ende in der gleißenden Sonne wieder abgestiegen. So viele Eindrücke in so einer verhältnismäßig kurzen Zeit, kombiniert mit der Höhe, beschert mir erst einmal ordentliches Kopfweh. Ist mir aber jetzt egal, wir haben schließlich den ganzen Tag zum Chillen, Essen und Schlafen. 🙂

 

Es überrascht mich wirklich jedes mal aufs Neue, wie wunderschön sich eine so kräfteraubende und teilweise schmerzliche Erfahrung ins Hirn einbrennen kann. Am Ende des Tages zählen nicht mehr das Blut und der Schweiß, sondern die einmaligen Eindrücke und die Tatsache etwas geschafft zu haben. Merci Chérie. 🙂

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:*

2 Antworten auf „Vertainspitze

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